Gezeitenrechnung

Achtung: Die
Ausführungen sollen nur zum Verständnis beitragen. Die Beispiele
sind in 2004 gelöst uns somit nicht im Zeitfenster der Prüfung
durchgeführt. Die Prüfungsrelevanten Lösungswege sind in den
Kartenaufgaben geschildert.

 

Es gibt gute Gründe, sich in puncto
Gezeitenberechnung näher mit den britischen „Admiralty Tide Tables“
(ATT) zu befassen – beispielsweise ihre nahezu weltweite Abdeckung,
ein ebenso bewährtes wie bordtaugliches Berechnungsverfahren sowie
vielleicht auch die Tatsache, dass der Umgang mit den ATT bei den
höheren Seesegelscheinen wie hier den Sportseeschifferschein
vorausgesetzt wird. Wir befassen uns hier mit den Grundlagen und der
zeichnerischen Lösung gestellter Aufgaben. In den Lösungen der
Navigationsaufgaben wird die Arbeit mit einem Gezeitenrechner
erläutert. Bei sicherem Umgang mit dem zur Prüfung zugelassenen
Rechner TI-89 Titanium spart man bis zu 20 Minuten Zeit.

Die Gezeitentafeln des Britischen
Hydrographischen Instituts (UKHO) bieten nahezu weltweite Abdeckung
und eröffnen so die Möglichkeit, mit einem einheitlichen Verfahren
praktisch um den gesamten Globus zu navigieren. Das Gesamtwerk ist
auf vier Bände verteilt:

Teil 1 umfasst die britischen Inseln und
Irland,

Teil 2 die europäische Festlandküste, das
Mittelmeer und den Atlantischen Ozean,

Teil 3 den Indischen Ozean und die Chinesische
See und

Teil 4 den Pazifischen Ozean.

Die breite Abdeckung mag auf den ersten Blick
nur für Langfahrtsegler interessant erscheinen – manche
Yachtnavigatoren schwören aber auch in der heimischen Nordsee auf
die britischen Gezeitenunterlagen. Das liegt vor allem an dem etwas
anders gestalteten Verfahren zur Gezeitenberechnung. Denn
insbesondere die Arbeit mit den mittleren Tidenkurven erfordert bei
den ATT zumindest zeichnerisch etwas weniger Geschick als bei den
Gezeitentafeln des BSH und gilt daher vielen Seglern als
bordtauglicher. Dafür fällt die Bestimmung der Gezeitenunterschiede
für einen Anschlussort etwas umständlicher aus. Es bleibt also
letztlich Geschmackssache, für welche der beiden amtlichen
Gezeitenwerke man sich entscheidet – sofern man sich in Seegebieten
bewegt, die von beiden abgedeckt werden.

Dennoch darf man die ATT als international
bewährtes Standardwerk der Gezeitenrechnung in einem entsprechenden
Themen-Special nach meiner Ansicht nicht übergehen. Denn spätestens,
wenn es einmal etwas weiter weg gehen soll, kommt man an den ATT
nicht mehr vorbei. Nicht ohne Grund ist die Arbeit mit ihnen auch
Gegenstand der Prüfungen zu den höheren Seesegelscheinen mit
entsprechendem Geltungsbereich. Da wir die Grundlagen der
Gezeitenrechnung ausführlich behandelt haben, werden wir uns im
Folgenden weitgehend auf die ATT – Berechnungen konzentrieren.

 

Ähnlicher Aufbau, aber abweichende Werte

 

Der grundsätzliche Aufbau der ATT ähnelt stark
den Gezeitentafeln des BSH (GT): Auch hier findet sich im Anhang ein
Register der verzeichneten Orte, die sich ebenfalls in Bezugsorte
(Standard Ports) und Anschlussorte (Secondary Ports) unterteilen.
Für die Bezugsorte finden sich im „Part I“ der ATT analog zu den GT
ausführliche Gezeitenvorausberechnungen, für die Anschlussorte sind
im „Part II“ die mittleren Gezeitenunterschiede verzeichnet. Die
Einordnung der einzelnen Orte weicht allerdings etwas ab: So ist
beispielsweise Büsum im Band 2 der ATT als Anschlussort verzeichnet
(Bezugsort ist Helgoland), während es in den GT als Bezugsort
aufgeführt wird. Ebenso können übrigens in den Ergebnissen für
einzelne Orte zwischen ATT und GT Differenzen auftreten, weil beide
hydrographische Institute unter anderem unterschiedlich runden. Das
gilt selbst für die ausführlichen Gezeitenvorausberechnungen bei den
Bezugsorten. Dies braucht aber auch gewissenhafte Navigatoren nicht
zu beunruhigen, denn versprochen werden ja in beiden Fällen
lediglich wahrscheinlichste beziehungsweise angenäherte Werte. Hinzu
kommen die bereits in der letzten Folge geschilderten Abweichungen
in der Praxis, beispielsweise aufgrund meteorologischer Einflüsse,
die alle reinen Rechenwerte zusätzlich relativieren. Diese
Erkenntnis sollte Yacht-Navigatoren aber dennoch nicht den Ansporn
nehmen, schon aus Sicherheitsgründen möglichst genaue Ergebnisse
anzustreben. Die Höhenangaben in den ATT beziehen sich jeweils auf
das Kartennull (Chart Datum) der letzten Ausgabe der betreffenden „Admiralty
Charts“ mit dem größten Maßstab. Achtung: Wer mit den ATT arbeitet,
sollte daher auch amtliche britische Seekarten zur Navigation
verwenden.

 

 

 Zeitangaben erfolgen in den ATT
grundsätzlich in der gesetzlichen Zeit des betreffenden
Landes im Winter – für deutsche Häfen also in MEZ, die als
„Time Zone -0100“ bezeichnet wird. Das „+“ beziehungsweise
„-“ bei der Angabe zur „Time Zone“ bezieht sich dabei auf
die Differenz zwischen der lokalen Zeit gegenüber UT
(Universal Time) beziehungsweise G.M.T. (Greenwich Mean
Time). Diese Angabe ist zugegeben etwas irritierend: Denn
nach MEZ ist es schließlich eine Stunde später als nach UT –
daher müsste die entsprechende Angabe auf den ersten Blick
eigentlich „Time Zone +0100“ lauten. Man geht aber in den
ATT stets von der lokalen Zeit aus und gibt an, wie viele
Stunden man von dieser abziehen beziehungsweise hinzufügen
müsste, um die entsprechende Zeit in UT zu erhalten. Diese
Vorgehensweise lässt sich zum besseren Verständnis
vielleicht so interpretieren, dass ein Brite in einer
Zeitzone mit MEZ von öffentlichen Uhren eine Stunde abziehen
müsste, um die heimatliche UT zu erhalten. Um die
Zeitangaben in den ATT richtig zu deuten, hilft es also,
sich vorzustellen, dass man ein Brite im Urlaub ist, der
(wie wir es in anderen Zeitzonen auch tun) von jeder
örtlichen Zeitangabe stets auf die gewohnte heimatliche
Zeitzone zurückrechnet. Dann macht die Angabe „Time Zone
-0100“ für Zeitangaben in MEZ wieder Sinn – denn ein Brite
muss von MEZ eben eine Stunde abziehen. Es bleibt aber zu
beachten, dass alle Zeitangaben in den ATT für das gesamte
Jahr in Winterzeit erfolgen – man bei Orten mit Sommerzeit
also eine Stunde hinzufügen muss.

 

Vertrautes Bild
bei den „Standard Ports“

Der Hinweis auf die zutreffende „Time Zone“ findet sich im „Part I“
jeder Ausgabe der ATT mit den ausführlichen
Gezeitenvorausberechnungen für die Bezugsorte. , Hier trifft man
ansonsten ein weitgehend gewohntes Bild an: Die Eintrittszeiten und
-höhen von Hochwasser und Niedrigwasser an den Bezugsorten können
wie in den GT direkt den tabellarischen Vorhersagen entnommen
werden. Zur Ermittlung des Alters der Gezeit sind die Tage, an denen
Neu- und Vollmond herrschen entsprechend markiert. Man zählt ab Neu-
und Vollmond nach der in der vorangegangenen Ausgabe vorgestellten
„Standardformel“: Mitte des betreffenden Tages ± zwei Tage
Springzeit, danach drei Tage Mittzeit, gefolgt von vier Tagen
Nippzeit sowie schließlich erneut drei Tagen Mittzeit. Die Angaben
zum Alter der Gezeit in Tafel 2 der GT mögen auf den ersten Blick
etwas genauer erscheinen – dennoch gilt: Wer mit den ATT arbeitet,
muss auch nach dem dort vorgesehenen Verfahren das Alter der Gezeit
bestimmen. Zu berücksichtigen ist noch die Springverspätung (Springs
occur), die über den mittleren Tidenkurven für jeden Bezugsort
angegeben wird. Der Vermerk „Spring occurs 3 days after New and Full
Moon“ über der mittleren Tidenkurve von Cuxhaven bedeutet also, dass
wir die Mitte der Springzeit in Cuxhaven nicht direkt für die Tage
ansetzen dürfen, an denen Neu- beziehungsweise Vollmond herrscht,
sondern drei Tage später – und erst ab diesem Datum nach der
besagten „Standardformel“ zählen.

 


Besonderheit im „Part II“: die „Wertepaare

 

Die Angaben zu den mittleren
Gezeitenunterschieden an den „Secondary Ports“ (SecP) im
„Part II“ ähneln auf den ersten Blick ebenfalls den
entsprechenden Seiten in den GT. Beim genaueren Hinsehen
wird man jedoch einige markante Unterschiede feststellen –
insbesondere dürften die fett gedruckten Zeitangaben in der
Spalte mit den mittleren Zeitunterschieden (Time Differences)
in den Zeilen der „Standard Ports“ (StP) auffallen. Man
bezeichnet sie als so genannte „Wertepaare“. Tatsächlich
weicht auch das Verfahren zur Ermittlung der genauen Höhen-
und Zeitunterschiede der Gezeit (ZUG und HUG) etwas von der
Arbeit mit den GT ab – insbesondere die Bestimmung des ZUG,
der für die Eintrittszeit am Bezugsort berechnet werden
muss. Die richtige Vorgehensweise lässt sich am
anschaulichsten anhand eines Beispiels demonstrieren:
Stellen wir uns vor, wir liegen mit unserer Yacht in der
Nähe von Schulau an der Elbe und wollen wissen, wann dort am
16. November 2004 das Nachmittagshochwasser eintritt.
Schulau wird im „Part II“ des Bandes 2 der ATT als SecP mit
der Nr. 1442 geführt – der zugehörige StP ist Cuxhaven. In
Cuxhaven kündigen die tabellarischen
Gezeitenvorausberechnungen im „Part I“ der ATT am 16.
November um 15.34 Uhr ein Hochwasser an – mit einer Höhe der
Gezeit (H) von 3,3 Metern. Da wir unsere Uhren im November
bereits wieder auf Winterzeit umgestellt haben, braucht die
Zeitangabe auch nicht umgerechnet zu werden. Im „Part II“
finden wir nun für Schulau zwei unterschiedliche Angaben zum
Zeitunterschied der Gezeit (ZUG) bei Hochwasser (Time
Differences High Water): „+03.04“ für „02.00 and 14.00“ Uhr
sowie „+ 03.15“ für „08.00 and 20.00“ Uhr. Das „und“ (and)
ist dabei wörtlich zu verstehen: Der ZUG beträgt also
lediglich exakt um 02.00, 08.00, 14.00 und 20.00 Uhr die
genannten Werte. Die Eintrittszeit des
Nachmittagshochwassers in Cuxhaven liegt jedoch zwischen
14.00 und 20.00 Uhr. Will man ein möglichst genaues Ergebnis
erzielen, muss man daher zwischen den Angaben für 14.00 Uhr
und denen für 20.00 Uhr interpolieren. Dies mag angesichts
der vergleichsweise geringen Differenz in den Angaben zum
ZUG bei Hochwasser von lediglich 11 Minuten etwas
„kleinkariert“ erscheinen – in anderen Anschlussorten kann
die Abweichung aber durchaus mehr als eine Stunde betragen,
was dann schon ein gewissenhaftes Vorgehen rechtfertigt. In
der Praxis bleibt es der Einschätzung des Skippers
überlassen, ob er sich im Einzelfall mit einer
Überschlagsrechnung zufrieden gibt – beispielsweise, wenn
die Eintrittszeit am Bezugsort nahe an einer der Zeitangaben
in den Wertepaaren liegt und die Angaben zum ZUG zudem nur
geringfügige Differenzen aufweisen – oder ob er sich im
Zweifelsfall doch entschließt, möglichst exakt zu rechnen.
Der Abstand zwischen den Zeitangaben in den „Wertepaaren“
beträgt übrigens auch nicht grundsätzlich immer sechs
Stunden – zwischen den Zeitangaben zum ZUG bei Niedrigwasser
liegen in Cuxhaven beispielsweise sieben beziehungsweise
fünf Stunden.

 

Interpolieren des ZUG
für einen „Secondary Port“

 

Wie gelangt man nun zu einem möglichst
genauen Wert für den ZUG? Ähnlich wie bei der Arbeit mit den
GT besteht beim Umgang mit den ATT die  Wahl zwischen
rechnerischen Verfahren mithilfe entsprechender Formeln und
zeichnerischen Lösungswegen. Wir wollen uns hier, wie schon
in der vorangegangenen Folge, auf die zeichnerischen
Methoden beschränken – aufgrund der dort bereits angeführten
Argumente wie unter anderem einer geringeren
Fehleranfälligkeit bei ohnehin nur begrenzter
Zuverlässigkeit der ermittelten Werte. Sie treffen nämlich
auf die Gezeitenberechnung mit den ATT gleichermaßen zu.
Natürlich sind darüber hinaus auch hier entsprechende
Rechner- und Softwarelösungen denkbar, bei denen man dann
mit geringstem Arbeitsaufwand ans Ziel gelangt. Wer auch den
klassischen Lösungsweg„zu Fuß“ beherrscht, ist hingegen
immer auf der sicheren Seite und spart zudem die Investition
in teures Zusatzequipment. Das zeichnerische Interpolieren
des ZUG gestaltet sich mit etwas Übung recht einfach: Man
nimmt sich ein Blatt kariertes Papier – besser noch
Millimeterpapier – zur Hand und zeichnet ein einfaches
Koordinatensystem mit X- und Y-Achse auf. An der
horizontalen „X-Achse“ werden die Uhrzeiten aus den
Wertepaaren und an der vertikalen Y-Achse die Werte für den
ZUG angetragen. In unserem Beispiel liegt das
Nachmittagshochwasser in Cuxhaven zwischen den Zeitangaben
14.00 und 20.00 Uhr aus den Wertepaaren.

 

 

 

Wir könnten nun also beispielsweise auf
der X-Achse im Zentimeterabstand die Uhrzeiten von 12.00 bis
20.00 Uhr antragen, wobei 12.00 Uhr genau im Schnittpunkt
mit der Y-Achse liegt (prinzipiell ließe sich auch gleich
mit 14.00 Uhr beginnen). Der ZUG variiert zwischen 3 Stunden
4 Minuten und 3 Stunden 15 Minuten. Auf der Y-Achse könnte
man daher theoretisch ebenfalls im Zentimeterabstand Werte
von 1 bis 4 Stunden abtragen – was allerdings eine etwas zu
grobe Aufteilung wäre, um exakt zu interpolieren. Wer es
etwas genauer wünscht, wird eher im Minutenabstand vorgehen
und bei 3 Stunden 0 Minuten beginnen (möglich wäre auch,
gleich bei 3 Stunden und 4 Minuten zu beginnen). Denkbar ist
prinzipiell auch eine noch „feinere“ Unterteilung der
Y-Achse. Grundsätzlich gilt: Je „feiner“ die Unterteilung,
umso genauer die Ergebnisse – man sollte es aber auch nicht
übertreiben, schließlich geht es immer nur um
Näherungswerte. Wir haben uns für Minuten-Schritte im
Zentimeterabstand entschieden. Jetzt werden anhand des
Koordinatensystems die ZUG-Werte aus den ATT eingezeichnet:
3 Stunden 4 Minuten um 14.00 Uhr und 3 Stunden 15 Minuten um
20.00 Uhr. Beide Punkte verbindet man anschließend durch
eine Gerade. An dieser kann man nun den ZUG für 15.34 Uhr
ablesen – der Hochwasserzeit (HWZ) im „Standard Port“
Cuxhaven. Er beträgt etwa 3 Stunden und 7 Minuten (genau: 3
Stunden 6,8 Minuten, die wir aufgerundet haben). Das
Nachmittagshochwasser in Schulau können wir demnach gegen
18.41 Uhr erwarten (15.34 Uhr + 03.07 h). Achtung: Nicht
vergessen dass unsere Zeichnung auf einem Dezimalsystem
basiert, während Zeitangaben im „60er-System“ erfolgen –
hier muss also gegebenenfalls umgerechnet werden. Das
Verfahren erscheint auf Anhieb vielleicht etwas kompliziert
– geht aber mit etwas Übung recht flott von der Hand.

 

 

Ermitteln des
HUG am „Secondary Port“

 

Ganz ähnlich geht man bei der Ermittlung des
Höhenunterschiedes der Gezeit (HUG) am SecP vor. Hier finden sich im
„Part II“ der ATT unter „High Differences“ jeweils Werte für
mittleres Springhochwasser (Mean high water springs, MHWS),
mittleres Nipphochwasser (Mean high water neaps, MHWN), mittleres
Nippniedrigwasser (Mean low water neaps, MLWN) und mittleres
Springniedrigwasser (Mean low water springs, MLWS). Auch hier gilt
es, gegebenenfalls zwischen den Werten für Spring- und
Nipphochwasser beziehungsweise Spring- und Nippniedrigwasser zu
interpolieren. In unserem Beispiel entfällt das Interpolieren, denn
für den HUG bei Hochwasser sind für Schulau bei MHWS und bei MHWN
jeweils +0,1 Meter angegeben. Anders sieht es beim HUG in Schulau
bei Niedrigwasser aus: Er beläuft sich bei MLWN auf -0,3 Meter und
bei MLWS auf -0,1 Meter. Zugegeben: Auch diese geringe Differenz
würde in der Praxis wohl keinen Skipper zu größerer Rechenarbeit
animieren – an anderen Orten können die Unterschiede aber durchaus
mehrere Meter betragen. Dann würde man folgendermaßen vorgehen:

 


Man zeichnet sich wieder ein Koordinatensystem auf ein
Blatt Millimeterpapier und trägt an der „X-Achse“ die
mittleren Niedrigwasserhöhen für den „Standard Port“ an. Für
Cuxhaven sind bei MLWN 0,4 Meter und für MLWS 0,0 Meter
verzeichnet. Eine praktikable „X-Achse“ könnte also bei 0,0
Metern beginnen und dann in Dezimeterschritten im
Zentimeterabstand fortlaufen. Auf der „Y-Achse“ werden die
Höhenunterschiede angetragen – wir haben uns angesichts der
HUG-Werte für Schulau auch hier für eine Aufteilung in
Dezimeterschritten von 0,0 Metern abwärts entschieden. Wer
die Zeichengenauigkeit erhöhen möchte, kann auch in
2-Zentimeter-Schritten vorgehen. Hier gibt es keine
Standardlösung – die Gestaltung des Koordinatensystems
sollte wie beim ZUG stets den jeweils vorgegebenen Werten
und der gewünschten beziehungsweise erzielbaren
Zeichengenauigkeit angepasst werden. Ansonsten erhält man
mitunter nur sehr ungenaue Ergebnisse oder erreicht schnell
den Blattrand. Jetzt tragen wir wieder die Angaben aus den
ATT ein: -0,3 Meter HUG bei 0,4

 

Meter für MLWN und -0,1 Meter HUG bei 0,0 Meter
für MLWS. Beide werden wieder durch eine Gerade verbunden. An dieser
lässt sich nun der zutreffende HUG ablesen, indem man auf der
X-Achse von der tatsächlich vorhergesagten Niedrigwasserhöhe am
„Standard Port“ ausgeht. Für das nächstfolgende Niedrigwasser um
22.23 MEZ ist in Cuxhaven am 16. November eine Höhe von 0,3 Metern
vorhergesagt. Daraus ergibt sich aus unserer Zeichnung ein HUG von
-0,3 Metern (gerundet, die Zeichnung weist -0,25 Meter aus). Wie
gesagt: Dieses Ergebnis hätte man in unserem Beispiel auch leicht
schätzen können – das gilt jedoch nicht für jeden Ort. Immerhin
wissen wir nun, dass wir beim Abendniedrigwasser in Schulau mit einer Höhe der
Gezeit (H) von 0,0 Metern rechnen
dürfen: 0,3 Meter H Cuxhaven (+) -0,3
Meter HUG.

 

Die „Tidal
Prediction Form“ und „Seasonal Changes“

 


Um bei all diesen Werten nicht den Überblick zu
verlieren, bedient man sich bei der Arbeit mit den ATT eines
speziellen Formblattes – des so genannten „
Tidal
Prediction Form
“. Entsprechende Muster sind im hinteren Teil der
ATT abgedruckt – wir haben zudem eines zum Download ins Internet
gestellt. Hier trägt man zunächst oben den Namen des StP und des
SecP sowie das Datum (Date) und gegebenenfalls auch noch die „Time
Zone“ ein. Hinzu kommt die gesuchte Eintrittzeit oder Eintrittshöhe
(Time/ High Required). Darunter befindet sicheine Tabelle mit
Spalten für die Eintrittszeitenund Höhen der Gezeit bei Hoch- und
Niedrigwasser (Time HW / LW und High HW / LW). In der ersten Zeile
werden die entsprechenden Datenfür den StP aus dem


„Part I“ der ATT für das
betreffende Datum eingetragen. In der übernächsten Zeile „Differences“
folgen die ermittelten (interpolierten) Werte für den ZUG
und den HUG am SecP bei Hoch- und Niedrigwasser. Dazwischen
befindet sich noch eine Zeile mit der Bezeichnung „Seasonal
Change Standard Port“. Hier werden etwaige saisonale
Abweichungen in den Hoch- und Niedrigwasserhöhen am StP
vermerkt. Die entsprechenden Angaben finden sich in einer
gesonderten Tabelle mit der Bezeichnung „Seasonal Changes in
Mean Level“ im „Part II“ – in der Regel auf der gleichen
Doppelseite wie der betreffende StP. Dort stehen links unter
der Bezeichnung „No“ Ziffern, die der Nummerierung der
aufgeführten Orte entsprechen. Cuxhaven trägt die Nummer
1438 – die „Seasonal Changes“ für diesen Ort sind damit der
ersten Zeile  (1438 – 1445) zu entnehmen. Dort finden
wir für den Monat November die Angabe „0,0“. In Cuxhaven ist
also zu dieser Zeit mit keinen saisonalen Abweichungen zu
rechnen – ansonsten müsste die entsprechende Meterangabe aus
der Tabelle in die „Tidal Prediction Form“ übernommen und an
die Hoch- und Niedrigwasserhöhen des StP angebracht werden
(bei einer „Seasonal Change“ von +0,2 Metern wären also 0,2
Meter hinzuzurechnen). Gleiches gilt für den SecP – auch
hier sieht das Formblatt das Anbringen etwaiger „Seasonal
Changes“ vor. Schulau fällt allerdings mit der Nummer1442 in
die gleiche Zeile wie Cuxhaven – auch hier sind im November
also keine saisonalen Veränderungen zu berücksichtigen.

 

 

Zeichnerische Auswertung der mittleren
Tidenkurven

 

Hat man erst einmal die Hoch- und
Niedrigwasserzeiten und -höhen für ein bestimmtes Datum ermittelt
und in das „Tidal Prediction Form“ übertragen, kann man nun wie bei
den GT in die zeichnerische Arbeit mit den mittleren Tidenkurven des
betreffenden Bezugsortes einsteigen – um beispielsweise
festzustellen, wann und wie lange eine bestimmte Höhe der Gezeit
gegeben ist, oder um herauszufinden, welche Höhe der Gezeit zu einem
bestimmten Zeitpunkt auftritt. Hier haben die Briten ebenfalls ein
ganz eigenes Verfahren entwickelt, das allerdings um einiges
einfacher umzusetzen ist als das Nachzeichnen der mittleren
Tidenkurven, wie es die GT vorsehen. Es kann daher durchaus als
bordgerechter und vor diesem Hintergrund auch als weniger
fehleranfällig angesehen werden. Bleiben wir bei unserem Beispiel:
Stellen wir uns vor, wir benötigen eine Höhe der Gezeit von 2,0
Metern, um mit unserer Yacht eine Barre bei Schulau sicher passieren
zu können. Nun wollen wir wissen, wie lange diese am Abend des 16.
November nach Einsetzen der Ebbe noch gegeben ist. Wir haben für
diesen Tag bereits die Hochwasserzeit (18.41 Uhr) und die
Niedrigwasserhöhe (0,0 Meter) für Schulau ermittelt. Die
Hochwasserhöhe ist ebenfalls schnell berechnet: Sie beträgt in
Cuxhaven 3,3 Meter zuzüglich +0,1 Meter HUG macht 3,4 Meter. Fehlt
nur noch die Niedrigwasserzeit. Sie fällt in Cuxhaven auf 22.23 Uhr.
Nun müssen wir noch den ZUG für Schulau interpolieren (zwischen
+03.21 h um 21.00 Uhr und +03.37 h um 02.00 Uhr laut ATT) – wer mag,
kann dies wie oben beschrieben mittels einer entsprechenden
Zeichnung einmal ausprobieren. Er beträgt +3 Stunden 26 Minuten,
sodass in Schulau um 01.45 Uhr des Folgetages mit Eintritt des
Niedrigwassers zu rechnen ist. Nun wissen wir also immerhin schon,
dass wir zumindest um 18.41 Uhr noch ausreichend Wasser unter dem
Kiel haben werden und spätestens um 01.49 Uhr nicht mehr. Es geht
aber eben auch noch etwas genauer – durch Auswertung der mittleren
Tidenkurven für Cuxhaven. Diese gestalten sich doch auffallend
anders als in den GT. Links neben den Kurven findet sich oben und
unten jeweils eine Skala mit der Bezeichnung „H.W.Hts.m“ für
Hochwasserhöhe in Metern (High Water Height) beziehungsweise „L.W.Hts.m“
für Niedrigwasserhöhe in Metern (Low Water Heigh). Hier trägt man
nun die entsprechenden Werte für Schulau an: oben 3,4 Meter
H.W.Hts.m und unten 0,0 Meter L.W.Hts.m. Die beiden Punkte werden
jetzt durch eine Gerade beziehungsweise Diagonale verbunden. Diese
so genannte Proportionallinie markiert damit quasi den Tidenverlauf
bei Ebbe. Dann geht man zu der Stelle, an dem die Proportionallinie
die „2-Meter- Marke“ schneidet. Von dort zeichnet man nun eine
weitere, exakt horizontal (waagerecht) verlaufende Gerade ein, die
die rechts abgebildeten mittleren Tidenkurven auf beiden Seiten
schneidet. Damit ist die Zeichenarbeit eigentlich auch schon fast
abgeschlossen. Um unsere Zeichnung auswerten zu können, müssen wir
unter den Tidenkurven nur noch die Zeiten eintragen:

bei „H.W.“ (High Water) die Hochwasserzeit für
Schulau und rechts davon pro Eingabefeld stets eine volle Stunde
mehr. Denn in unserem Beispiel geht es ja ausschließlich um die Zeit
nach Hochwasser. Jetzt fällen wir das Lot auf dem Punkt, an dem
unsere horizontale Gerade den rechten Rand der Tidenkurve schneidet.
Ist neben der durchgezogenen Springtidenkurve auch noch eine
gestrichelte Nipptidenkurve verzeichnet, wählt man die zutreffende
entsprechend dem vorherrschenden Alter der Gezeit (bei Mittzeit wäre
zu mitteln). In unserem Beispielfall schneidet die horizontale Linie
ausschließlich die Springtidenkurve und es herrscht zudem Springzeit
– einfacher geht es also nicht. Das Lot trifft bei etwa +2 Stunden
50 Minuten beziehungsweise 21.31 Uhr auf die Zeitskala unter der
Tidenkurve (die kleinen Striche markieren 10-Minuten-Abstände). Wenn
wir also am 16. November noch sicher über besagte Barre kommen
wollen und zudem ein gewisses Sicherheitspolster einplanen, sollten
wir diese demnach bis spätestens um 21.00 Uhr passiert haben. Aber
Vorsicht: Um zu ermitteln, ab wann in Schulau bereits vor Eintritt
des Nachmittaghochwassers eine Höhe der Gezeit von 2 Metern
vorhanden ist, können wir jetzt nicht einfach am ersten Schnittpunkt
auf der linken Seite der mittleren Tidenkurve das Lot fällen. Denn
wir sind ja bislang ausschließlich vom Tidenverlauf bei Ebbe
ausgegangen. Nun würde es aber um den Tidenverlauf bei Flut gehen.
Um diesen zu skizzieren, müssten wir zunächst die Höhe der Gezeit
des vorausgegangenen Niedrigwassers ermitteln, diese an die untere
Skala „L.W.Hts.“ antragen und eine neue Verbindungsline zur „H.W.Hts.m“
einzeichnen. Diese zweite Proportionallinie würde nun den
Tidenverlauf bei Flut markieren, der mitunter deutlich von dem bei
Ebbe abweichen kann. Jetzt kann man auch hier den Schnittpunkt mit
der „2-Meter-Marke“ suchen, von dort eine waagerechte Gerade ziehen
und schließlich auf dem Schnittpunkt mit der linken Seite der
mittleren Tidenkurve das Lot fällen. Tipp: Um Verwechslungen zu
vermeiden, empfiehlt es sich, die Proportionallinien entsprechend
dem Tidenverlauf mit einem Pfeil zu markieren (vom Niedrig- zum
Hochwasser oder vom Hoch- zum Niedrigwasser). Selbstverständlich ist
auch ein umgekehrter Einstieg in die Arbeit mit den mittleren
Tidenkurven möglich: Will man herausfinden, wie hoch die Höhe der
Gezeit zu einem bestimmten Zeitpunkt ist, setzt man einfach an der
Zeitachse unter der Tidenkurve an, zieht vom gewünschten Zeitpunkt
aus eine Senkrechte nach oben, bis diese die Spring- oder
Nipptidenkurve schneidet und von diesem Schnittpunkt aus wiederum
eine waagerechte Gerade in Richtung der zutreffenden
Proportionallinie. An dem Schnittpunkt der waagerechten Geraden mit
der Proportionallinie lässt sich nun die Höhe der Gezeit ablesen.
Das klingt vielleicht im Moment alles recht kompliziert, ist aber
wirklich nur eine Übungsfrage. Mit etwas Übung gelingt die
zeichnerische Auswertung der mittleren Tidenkurven in den ATT in
wenigen Minuten. Schließlich kann durchgehend mit dem Lineal
gearbeitet werden, was die Sache gerade bei Seegang deutlich
vereinfacht. Man sollte auch immer bedenken, dass es sich bei den
ATT um das am weitesten verbreitete Werk zur Gezeitenberechnung
handelt – es hat sich also trotz manch umständlich erscheinender
Lösungswege in hohem Maß auf See bewährt. Und wenn man zudem die
praktisch weltweite Abdeckung berücksichtigt, wird man die ATT
zumindest als Langfahrer schnell schätzen lernen – denn nichts ist
umständlicher und letztlich auch fehlerträchtiger, als sich
regelmäßig auf neue nautische Unterlagen umstellen zu müssen.

 

Nützliche Downloads zu diesem
Thema:


ATTAblaufschema


Tidenformblatt(PDF)

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